Klassische Hasskommentare und wie man sie kontert

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„Zensur!“

„Lügenpresse!“

„Flüchtlinge sind Terroristen!“

Ich habe mal zusammengeschrieben, wie man Klassiker des Genres „Hassrede“ kontert. Feedback und Ergänzungen gerne in die Kommentare.

Geflüchtete, Ernährung, Gewaltverbrechen: Bei bestimmten Themen eskalieren Diskussionsverläufe häufig. Wie man extreme Kommentare und Hetze kontert, zeigt diese Anleitung. Ziel des Community Managements muss sein, dass sich die Mehrheit der friedlichen Kommentatorinnen und Kommentatoren wohl fühlt und aktiv bleibt. Die Antwort-Konter werden nicht nur für die Absender geschrieben – sondern vor allem für die stummen Mitleserinnen und Mitleser: Für die, die sich durch Hassrede angegriffen fühlen, und für die, die empfänglich für Hetze sind, aber noch offen für Argumente.

Definition Hasskommentare

Mit diesem unscharfen Begriff sind Kommentare gemeint, in denen Menschen verunglimpft und entwertet werden. Volksverhetzende, massiv beleidigende, rassistische und sexistische Meinungsäußerungen. Ausdrücklich sind auch Kommentare gemeint, die keinen Straftatbestand erfüllen, aber Diskussionsverläufe erfahrungsgemäß entgleisen lassen.

Dreischritt

  • Analyse: Welche Botschaft steckt eigentlich hinter einem Kommentar?
  • Wie ist die Haltung der Redaktion zu diesem Thema?
  • Eigene Sichtweise klar kommunizieren, so dass die Diskussion konstruktiver geführt werden kann.

Goldene Regeln beim Hassrede-Konter

  • Eigene Werte, eigene Haltung zu einem Thema an den Anfang stellen, danach gegebenenfalls konkret auf einen Vorwurf eingehen, mit der eigenen Haltung enden.
  • Verteidigungshaltung vermeiden! Bloße Verneinung stärkt die Position der Hass-Kommentatorinnen und Hass-Kommentatoren, da die Vorwürfe präsent bleiben und man in aufgezwungenen Debatten verharrt.
  • Sachlich bleiben. Wer sich provozieren lässt, trägt zur Verschlechterung des Diskussionsklimas aktiv bei.

Framing: Sprache im Community Management richtig einsetzen

In den Antwort-Kontern wird mit Framing[1] gearbeitet. Frames sind sprachliche und gedankliche Deutungsrahmen. Sie leiten Denken und Handeln von Menschen, indem sie Erfahrungen zu einem Thema im Gehirn aufrufen. Frames werden über Sprache aktiviert. Kognitionswissenschaftler haben in zahlreichen Experimenten gezeigt, dass Menschen nicht nach Faktenlage entscheiden. Vielmehr können Menschen Fakten nur innerhalb von Frames interpretieren. Menschen denken und handeln nach Worten. Beispiel Diskussion um Essgewohnheiten: Wenn das Thema Fleischkonsum mit „Mord“ verknüpft wird, laufen Debatten schnell ins Abwertende. Die Diskutierenden verhandeln im negativen Mord-Frame. Fallen im Zusammenhang mit Ernährungsthemen Schlagworte wie „Tierliebe“, „Tradition“ oder „Genuss“, können Debatten konstruktiver geführt werden. Wer bei der Kommentarmoderation die richtigen Frames nutzt – also Sprache, die Diskussionsverläufe ins Konstruktive, Sachliche lenkt – wird mit besser funktionierenden Communitys belohnt. Frames fördern oder verhindern Empathie und positive Diskussionsverläufe.

Praktische Beispiele:

Im Community Management kommt es immer auf den Kontext an. Diese Antwort-Vorschläge können selten einfach kopiert werden – aber Elemente daraus können als Anregung für die eigene Argumentation dienen.

„Ihr habt meinen Kommentar gelöscht! Zensur!“

Analyse: Zensur-Vorwurf. Es wird unterstellt, dass unliebsame Äußerungen nach Gutsherrenart gelöscht werden. Kommentarlöschung passiert aber nur aus gravierenden Gründen, häufig wegen Beleidigungen und Hetze.

Konter: „Sie wollen einen Freibrief für Beleidigungen und Hass. Den stellen wir nicht aus. Wir wünschen uns hier respektvolle Diskussionen … Bleiben Sie sachlich … Respektieren Sie andere Meinungen …“

Do‘s: Die eigentliche Motivation der Kommentatorin/ des Kommentators entlarven. Eigene Haltung und den gewünschten Diskussionsverlauf (-> respektvoller Umgang) klar kommunizieren.

Dont’s: „Wir zensieren nicht! Halten Sie sich an unsere Netiquette!“ Mit dieser Antwort bleibt man in einer undankbaren Verteidigungshaltung und der aufgezwungenen Zensur-Debatte verhaftet. Das schwächt die eigene Position.

„Todesstrafe für Kinderschänder!“

Analyse: Forderung nach Todesstrafe, Tötungsfantasien. Kommt regelmäßig bei Gewaltverbrechen vor.

Konter: „Kinder müssen vor solchen Übergriffen geschützt werden – vorbeugende Arbeit ist zentral. Man muss die Ursachen für solche Verbrechen bekämpfen – das kann die Todesstrafe nicht… Hinrichtungen sind barbarisch… Ein Staat darf sich nicht mit Mördern auf eine Stufe stellen… Kinderschutz heißt, sich darauf zu konzentrieren, dass solche Taten gar nicht erst passieren…“

Do’s: Aufzeigen, wie Kinder vor Gewalttaten geschützt werden können. Die Todesstrafe-Debatte ins Sachliche lenken, weg von Tötungs-Fantasien, die erfahrungsgemäß entgleisen. Die eigene Haltung zum Thema kommunizieren.

Dont’s: „Das ist gegen das Grundgesetz.“ Das ist zwar Fakt, aber abstrakt. Menschen (auch die Mitleserinnen und Mitleser) sind besser mit Argumenten erreichbar, die lebensnaher (Kinderschutz) sind.

„Ich habe Angst vor einem Terror-Anschlag. Hier sind zu viele Flüchtlinge!“

Analyse: Gleichsetzung von Geflüchteten mit Terroristen.

Konter: „Geflüchtete kommen hierher, weil sie Schutz vor Krieg, Verfolgung und Terror suchen. Geflüchtete wünschen sich, was alle wünschen: einen friedlichen Alltag… Geflüchtete mit Terroristen gleichzusetzen, ist falsch… Terroristen sind Terroristen… Geflüchtete sind Menschen, die Schutz suchen… Terroristen tarnen sich als Geflüchtete…

Do’s: Geflüchtete klar von Terroristen unterscheiden. Die Verallgemeinerung Geflüchtete = Terroristen aufdecken. Die eigene Haltung zum Thema kommunizieren.

Dont‘s: Hören Sie auf, Flüchtlinge mit Terroristen gleichzusetzen.“ Mit dieser Antwort bleibt man in der Debatte Flüchtling = Terrorist verhaftet, auch wenn der Zusammenhang verneint wird.

„Lügenpresse!“

Analyse: Angriff auf unabhängigen Journalismus. Kommt oft aus der Denke „Wer nicht für mich ist bzw. meine Meinung unterstützt, ist gegen mich“. Diese Beschimpfung taucht auf, wenn nicht im (politischen) Sinne der Kritikerinnen und Kritiker berichtet wird.

Konter: Wir recherchieren und arbeiten gewissenhaft. Sie greifen uns an, weil wir nicht in ihrem politischen Sinne schreiben. Wir aber sind Fakten verpflichtet… Echter Journalismus ist überparteilich… Freie Presse ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie…

Do’s: Erklären, wie Redaktionen arbeiten und welchen journalistischen Prinzipien sie verpflichtet sind. Die eigene Haltung zum Thema kommunizieren.

Dont‘s: „Der Vorwurf ist haltlos! Wir sind keine Lügenpresse!“ Mit dieser Antwort bleibt man in der Lügenpresse-Debatte verhaftet, auch wenn der Zusammenhang verneint wird.

[1] Elisabeth Wehling: Politisches Framing. Köln 2016. Siehe auch den Zapp-Beitrag „Rechte Sprache in den Medien“ mit Elisabeth Wehling. http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/Gefaehrliche-Uebernahme-Rechte-Sprache-in-Medien-,sprache164.html

3 Comments

  • Carsten

    Guten Tag
    Mir fehlt noch, dass man mit ehrlicher Höflichkeit und dem Interesse an dem Gegenüber und dessen Meinung, eine Diskussion auf einen sachlicheren Ton bringen kann.

    Ansonsten toller Artikel, den man jedem Hasskommentator zukommen lassen sollte.

  • Jörg

    Sehr guter Beitrag, insbesondere der Hinweis auf das Framing, den viele der rechten (oder besser extremen) Kommentare machen eine bestimmte Schublade auf um uns dort hineinzulenken.
    Allerdings ist der Abschnitt über die „Lügenpresse“ zweischneidig. Der Ansatz ist verständlich und grundsätzlich korrekt, aber wer mit „Wir aber sind Fakten verpflichtet…“-Steinen wirft, der darf nicht im Glashaus sitzen, sonst liefert er nur weitere Munition. Auch bei der ARD ist schon mehrfach ein sehr selektiver Umgang mit Fakten aufgezeigt worden (fragen Sie einmal den Rundfunkrat nach den Programmbeschwerden der Herren Bräutigam, Klinkhammer und Gauer) und damit wird die Entgegnung in Verbindung mit dem Anspruch „Echter Journalismus ist überparteilich…“ schnell zum Eigentor.
    Lange Rede kurzer Sinn, bei aller Rhetorik muss man bei den Fakten bleiben, sonst ist man bestenfalls geschickter, aber niemals besser als die Angreifer.

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